1/21/2025

Zusammenleben

 

Und schwupps. Gleich zu Beginn nimmt das neue Jahr, ihr drittes, ziemlich rasant an Fahrt auf, geht trotz Nebel scharf in die Kurve und wird mit Herausforderungen konfrontiert, die plötzlich aus dem Hinterhalt auftauchen und sich dann aber mit klaren Konturen zeigen, da kann einem schon mal der Kopf schwirren. Und so schauen die beiden einmal ganz in Ruhe zurück.

    Freya von Hansen, ihres Zeichen adlige Kunst- und Kultur-Tussi, überlegt zwar schon ne ganze Weile jetzt nach zwei Jahren zu Bruno, Bauer im Endstadium, auf den Hof zu ziehen, aber ist noch immer hin- und hergerissen. Dennoch kaufen die beiden Stuhl, Tisch und Pott und Pann.
Man kann ja auch zwei Wohnungen bewohnen“, sagt Bruno und will Freya natürlich vor allem zu sich locken. Sie weiß nicht so recht, hat aber auch irgendwie Lust auf Abenteuer und sucht mit in den Kleinanzeigen. Ende des Monats entscheidet sie sich dann, ihre Wohnung im wunderschönen Kaff an der Küste aufzugeben. Anscheinend gewinnt die innerliche Abenteuerlust doch die Oberhand. Nicht bedacht hat sie dabei, dass der Körper so ganz eigene Wege geht und sie am Abend ihrer Entscheidung mit einer Drehschwindel-Attacke belohnt. Na Prost Mahlzeit. Doch glücklicherweise hat sie seit dem Spätherbst einen Vertrag im Fitnesscenter ihrer Gemeinde. Das ist so ein Laden für ältere Bürger, die Rücken haben und Reha Soft brauchen. Freya geht da zum Yoga und merkt, dass das hilft auch gegen Drehschwindel.

    Bald ist es soweit, die letzten Tage in der alten Wohnung an der Küste sind angebrochen und Freya hat schon wochenlang mit ihrem Miniauto Kartons über Kartons rübergewuchtet. Treppe runter und Treppe wieder rauf. Nicht, dass Bruno ihr nicht helfen möchte, aber Freya ist eigenwillig und so darf er ihr nur bei den ganz schweren Möbeln helfen. Ehre hin oder her.

    Es beginnt das Abenteuer ZUSAMMENLEBEN von Freya von Hansen und Bruno Olle Petersen, beide schon im fortgeschrittenen Alter, wenn auch in verschiedenen Wohnungen und wenn auch die Zwischenwand noch erst eingebaut werden muss.

    Die Handwerker kommen kurze Zeit später ins Haus und ruckzuck steht die Zwischenwand und trennt das Reich von Bruno und Freya. Glücklicherweise liegen die krass stürmischen Zeiten mit all ihren existentiellen Dramen inzwischen hinter ihnen, vergessen sind sie jedoch nicht. So eine Zwischenwand hilft da vielleicht. Einfach Schlüssel umdrehen und man hat seine Ruhe. Alles könnte jetzt so schön werden! Doch vorerst hat Freya Backenzahn und Corona. Bruno auch.

    Ein komplett anderes Leben beginnt. Gemeinsam frühstücken, sinnieren und lachen, gemeinsam an einem Strang ziehen, ab und an ein warmes Bett teilen und vor der Glotze abhängen und wenn es einem schlecht geht, Trost bekommen oder geben. Oder Witze erzählt bekommen. All das und noch viel mehr nämlich. Auch unterschiedliche Meinungen und lange Diskussionen haben, lautstark streiten, nachgeben, weich bleiben, aufeinander zugehen und sich wieder versöhnen. Brunos schlechte Gewohnheiten aushalten, sie hat selbstredend keine. Klar. Wachsen und sich verändern und es immer wieder neu versuchen. Miteinander träumen und die eigenen Träume beim Frühstück austauschen. Das Zusammenleben erweist sich als erstaunlich leicht und sie fühlt sich wohl, auch wenn die frühere Nähe zum Wasser fehlt und die Spaziergänge dort. Doch wenigstens ist der Weg immer noch nicht weit und das Schwimmen am Abend entschädigt ein wenig für den Verlust und auch andere Freunde hängen dort ab. Einmal das Wasser und die dänische Küste angucken, in die Fluten stürzen, abtauchen und den Alltag hinter sich lassen tut so gut.

    Trotz aller Unruhen und Krisen da draußen groovt sich das Hof-Leben in ihrer kleinen Welt so langsam ein. In diesem beschaulichen Flecken inmitten der Pampa. Und bewegt sich zwischen den notwendigen Arbeiten eines Bauern und einer Freischaffenden, Besuchen von Nachbarn, Freunden und Familie, vom Hobby-Schrauber aus der Scheune und Reifen-sammelnden-und-nach-Afrika-verschickenden-Typen hinter der Scheune, erfrischender Gartenarbeit, leidiger Hausarbeit, Katzenfüttern, gemeinsamem Kochen, wöchentlichem Sport und Tanz-Training, gelegentlich nervigen Arzt-Terminen und monatlichem Ehrenamt hin und her.

    Das Leben ist trotz abgelegener Pampa ziemlich bewegt und die Beziehung zwischen Bruno und ihr immer mal wieder stürmisch. Jeder von ihnen bringt einen ganzen Sack kompliziertes Leben mit und manchmal öffnet sich der Sack und raus schwappt altes Leben und sorgt für Stress. Prompt meldet sich eine Krankheit nach der anderen bei ihr. Mal ist sie so dämlich und donnert mit dem Fuß gegen irgendein Stuhlbein und verstaucht sich den Zeh, dann wieder holt sie sich so einen starken Sonnenbrand, dass der für einen ganzen Monat reicht. Aber auch ne fette Blasenentzündung ist dabei und noch so allerlei anderes Maledeites. Sie muss wohl besser auf sich aufpassen. Das klappt auch ne ganze Weile. Doch als der Herbst in vollem Gange ist, die Blätter fallen und man es sich im Prinzip so richtig gemütlich machen kann im Haus, stürzt Freya kopfüber die steinerne Kellertreppe hinunter und ist unten angekommen froh, dass sie noch lebt. Blutet wie abgeschlachtet aus einem Loch am Hinterkopf und hat irgendwie die Wirbelsäule gerammt.
Frauen können ja so tapfer sein!“, denkt sie und wischt das Blut von der Treppe, am ganzen Körper zitternd und heulend Bruno anrufend. Der sitzt noch im LKW, kommt zum Glück aber bald und kann die Lage sichten. In die Notaufnahme hätte sie gehen sollen. Jawoll. Tat sie aber nicht. Sowas ist aushaltbar und heilt nach Wochen wieder von selbst, lautet ihr Motto. Und so ist es dann auch.

Wie Bruno so ist


Ich interessiere mich eigentlich für gar nichts!“, sagt er nicht nur einmal, auch wenn das provokativ gemeint ist. Mittlerweile in intensive Gespräche verwickelt, googelt er wie ein Weltmeister, wenn es darum geht, Wissenslücken aufzufüllen. Ein kauziger Typ, denkt Freya, als sie ihn zum ersten Mal sieht und hat ihn auf den ersten Blick auch ganz richtig erkannt. Auch wenn es da noch ganz andere Seiten gibt. Man muss nur einmal in seine Klüter-Kammer gucken und dann ist alles klar. Oder auf den Boden. Oder ins Büro. Oder in den Keller. Wilde Mischungen sehr unterschiedlichen Chaos. Aber lieb ist er. Und sinnlich. Und ein großes Herz besitzt er. Und coole Witze erzählen kann er. Und ihre Schale hat er geknackt. Ihre Kühle. Unnahbar, wie sie war und oft noch ist. Da hat er sie mit seinem überbordenden Temperament einfach überschwemmt und irgendwann brach dann die Mauer. Die Distanziertheit. Auch die Scham verschwand. Und so kann sie jetzt auch einfach nackt vor ihm stehen. Trotz ihres Alters und ihrer Falten. Aber das will er ja nicht mehr hören. Falten sind für ihn allemal interessanter als keine. Das gelebte Leben eben. Sie hat großes Glück mit ihm gehabt. Weiß sie. Auch wenn sie das manchmal vergisst, weil das große Chaos mal wieder ausbricht und er nichts aufräumt und den Saustall muss sie dann immer erst einmal aushalten. Und mit der Zeit wird dann auch so vieles anders und ist gar nicht mehr so wie am Anfang. Jetzt hat er keine Angst mehr vor Neuem. Naja, fast keine. Und geht einfach so mit ihr mit ins Abenteuer. Aber rechnen kann er auf jeden Fall besser als sie. Und Trecker reparieren auch. Das kann sie nämlich gar nicht. Gastfreundlich ist er auch. Sehr sogar. Das liebt sie an ihm, wie so vieles andere auch. Aber sie liebt ihn nicht immer. Manchmal könnte sie ihn an die Wand klatschen. Wenn er so gar nicht von seinem Stuhl hochkommt und da schon mal ein halber Tag vergeht. Oder wenn er sich mit seiner dämlichen Sturheit und seinem blöden Trotz so dermaßen selbst im Weg steht. Da muss sie schon ne Menge an Tricks und weiblichen Geschicks aufbieten, damit er nachgibt. Mit Härte geht da gar nichts und am besten das Gegenteil behaupten. Das fordert ihn heraus. Da will er dann doch. Zum Beispiel Gemüse oder weniger Zucker essen. Großzügig ist er, das ist der Wahnsinn. Sie fühlt sich in allem anerkannt, auch wenn er sie manchmal trotzdem nicht aushält, weil sie mal wieder so zickig ist oder mit dem Provozieren nicht aufhört. Oder weil sie nicht mit ihm ins Bett gehen will. Oder gemeinsam duschen. Aber sie kann ihm alles anvertrauen und das Größte ist, dass sie einfach so sein kann wie sie nun mal ist. Mit all ihren Facetten. Die Liebe merkt man ja häufig erst, wenn man sie verliert oder sich streitet und wieder versöhnt, wenn man räumlich getrennt ist oder einfach auch erst, wenn man sich mal einen ganzen Tag nicht sieht. Und bisher wurde immer alles wieder gut, was vorher aussichtslos erschien. Und das ist soo schön!

Brunos Hof

 

Bruno fährt im Winter zweimal in der Woche Rüben-LKW ins niedersächsische Ausland. So ein richtiger Brummi ist das und er der King auf dem Bock und das zumeist zu nächtlicher Stunde. Die Feldarbeit ruht noch und Zeit für einen Nebenjob gibt es reichlich.

    Da ihre Minikarre von Auto neuen TÜV braucht, zieht sie ein in die Schrauberwerkstatt des Hofes und kommt in den Genuss einer Privat-Behandlung und schafft den TÜV. Und zwar bezahlbar. Wie praktisch. Das Leben auf diesem Hof hat sich also schon gelohnt, denkt Freya und weiß gleichzeitig, dass es auf ganz anderes ankommt. Und das ganz andere ist wirklich auch so ganz anders als das, was vorher war. Auf einmal gibt es einen großen Garten, ein großes Haus, fünf Katzen, diverse kleine und große Schuppen, eine Scheune und viel Chaos.

    Als das Frühjahr anbricht, beginnt Brunos Feldarbeit und die Arbeits-Tage werden lang. Der Trecker tuckert Reihe hoch und Reihe wieder runter. Steine müssen gesammelt werden und das ist eine leidige Angelegenheit, die Freya noch aus ihrer Kindheit kennt. Nur kann sie jetzt, oh was für ein Glück, aus der erhabenen Position einer Traktoristin die Chose beobachten, während Bruno mit Eimer und Spaten bewaffnet, vor ihr kreuz und quer über das Feld laufen muss und sich schwitzend nach den Steinen bückt.

    Er kurvt also auf seinen Feldern herum, pflügt, grubbert, eggt und sät Gerste, Weizen, Roggen, Bohnen und Raps oder repariert gelegentlich seine Maschinen. Dazu kommt das verhasste Anträge ausfüllen und Auflagen erfüllen und ist zum Haare Ausraufen.

    Aber irgendwann beginnt die Ernte und ist mit viel Stress verbunden. Das gute Wetter hält immer nur ein paar Tage an und er muss auf den Mähdrescher der Nachbarn warten, die nicht auf allen Feldern gleichzeitig dreschen können. Freya erinnert das an ihre Kindheit und wie ihre Mutter und sie mit einem Korb voll frisch gebackenem Kuchen und einer Thermoskanne Kaffee hinaus zu ihrem Vater auf's Stoppelfeld wanderten und auf Strohklappen sitzend Pause machten. Und auch gab es Zeiten, wo er das Mittagessen dorthin bekam und kaum Zeit für's Essen hatte, weil der nächste Regenschauer drohte. Und es zeichnet sich leider schon jetzt ab, dass die diesjährige Ernte nicht gut ausfallen wird. Frust macht sich breit und breiter und das schon ne ganze Weile. Tatsächlich verkündet Bruno an seinem Geburtstag seinen bäuerlichen Nachbarn, dass er aufhören will mit der Landwirtschaft und an sie verpachten möchte. Welch riesengroße Überraschung. Freya hat absolut nicht damit gerechnet, dass er ernst machen würde. Die nächsten Wochen sind ziemlich aufwühlend und ein sehr emotionaler Prozess und mit sehr vielen Formalitäten verbunden.

    Irgendwann ist die Ernte zum Glück beendet, allerdings mit zum Teil ziemlich schlechten Erträgen. So geht’s nun zwecks winterlichem Geldverdienen für Bruno wieder los mit den Rüben-LKW-Fahrten. Zweimal in der Woche oft zu nächtlicher Stunde also rauf auf den Bock und aff von Hoff.

Freyas Kunst

 

Da Freya zwar eine adlige Kunst- und Kulturtussi ist, aber seit etlichen Jahren adlig nur in der Nichtöffentlichkeit wirkt, denkt sie sich:
Mensch, Freya, zeig dich doch mal wieder draußen, wedel mit dem Schwanz, sing schöne Lieder und präsentiere dich vorteilhaft!“

    Gesagt getan, eines Tages erscheint sie unangemeldet bei einem Künstlertreffen und schnackt schlau. Und tatsächlich sagt sie JA zu einer Gemeinschaftsausstellung mit vielen Kollegen, die sie alle nicht so genau kennt. Und auch stellt sie sich einem nordischen Kunstverein. Das allein ist schon Abenteuer genug. Man stelle sich vor, die kleine Freya mit ihren Gemälden vor einer ganzen Horde anderer Künstler, die im Block mit Argusaugen alles begutachten und auch schon mal unnette Fragen stellen. Sie beginnt zu schwitzen und läuft rot an im Gesicht, hält sich aber wacker und gewinnt am Ende die Schlacht. Aufgenommen. Und erfährt, dass es hinterher ein Hauen und Stechen gibt, ob der Ton ihr gegenüber denn nun angemessen war oder nicht. Jetzt steht also dem hehren Plan, im alten Hühnerstall, wo sich Freyas vorerst primitives Atelier befindet, als offenes Atelier der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, nichts mehr im Weg.

    Nach langer Zeit versucht sie außerdem mal wieder in Kunstausstellungen ne gute Figur und nicht allzu dumme Bemerkungen zu machen. Man muss die Sprache dort direkt erst einmal lernen, das ist Ausländisch vom feinsten. Vielleicht lieber die Klappe halten und Salzstangen knabbern. Sie ist nämlich auf der Suche nach Inspirationen und will auch mal die Konkurrenz abchecken. Wo steckt sie selbst mit ihrer ART inmitten des Getümmels? Sind abstrakte Landschaften mittlerweile total out und muss sie auch lustige Kuhköpfe malen? Nö, findet sie. Ja, und INSTA und FACEBOOK gehören mittlerweile auch dazu. Technisch gesehen ist das kein großes Ding. Zack, rein damit und auf FOLLOWER warten. Läuft. Denkt sie und ahnt noch nicht, wie sehr sie diese ganze Chose einmal nerven sollte. 

    Inzwischen werden die zukünftigen offenen Ateliers vorbereitet und weitere Treffen finden statt. Sie ist mittlerweile rechtmäßiges Mitglied der Künstler-Schar. Und der alte Hühnerstall ist auch schon weiter gekommen. Er vermisst die Hühner von damals nicht mehr und erfreut sich an dem frischen Geruch, dem ihm unbekannten Mobiliar und den vielen Farben und Leinwänden und dem vergrößerten Platz, in dem er sich wohlfühlen kann. Freya wollte ihm beweisen, dass sie das alles allein schaffen kann. So eine richtige Macherin, wie sie ist, akkuschraubert sie schon mal hunderte von Schrauben aus den hölzernen Zwischenwänden und wuchtet sie allesamt nach draußen. Die Ruhe ganz am Ende des Hofes mit den offenen Toren und dem Blick auf die Maschinen und das Strohlager tun ihr gut und erdet enorm. Und zwischendurch steht Bruno einfach so in der Ecke rum und guckt ihr beim Arbeiten zu, was er sowieso liebt. Den anderen beim Arbeiten zugucken und alles gemütlich angehen lassen.

       Irgendwann ist es dann soweit, alle Bilder für die monatelange Ausstellung in der eleganten Kulturstätte in der Nachbarstadt sind gemalt, gerahmt und werden mit vier coolen Künstlerkollegen unter anderem aus Dänemark in den großen Räumen aufgehängt. Premiere nach gefühlten zehn Jahren, auch wenn Freya bald merken wird, dass sie noch viel Lehrgeld zu zahlen hat und die Bedingungen dort alles andere als optimal sind.

    Wenige Tage später stehen die fünf vorne vor der Bühne des großen Saals und erzählen von sich, während zwischenzeitlich zwei Musiker sie begleiten. Die Vernissage kommt sie teuer, Drinks und Service müssen die Künstler selbst bezahlen und als Gegenleistung bekommt die Kulturstätte ihre ganzen Räumlichkeiten hochwertig dekoriert.

Na super!“, denkt sie und ist ziemlich enttäuscht. 
Nach drei Monaten holen die fünf Kollegen ihre Kunstwerke wieder ab. Natürlich nichts verkauft, das war vorauszusehen, bei den kurzen Öffnungszeiten.
Bitte sehr für die Dekoration Ihrer Wände, gern geschehen. Belassen wir es aber bei dem einen Mal!“, denkt sie und spricht es aber nicht laut aus.

    Am folgenden Tag geht der Zirkus dann gleich weiter. Ab mit den kleinformatigen Gemälden in eine in der Nähe liegenden kleine Galerie und Nägel in die Wände schlagen zusammen mit über zwanzig anderen Kollegen. Was für ein Gewusel. Tatsächlich klappt jedoch alles und das schon oft erlebte Gezicke unter Künstlern bleibt aus. Die Plätze werden ausgelost, um Neid um das beste Licht zu vermeiden. Leider ist ihr Platz durchaus gewöhnungsbedürftig und die Angelegenheit muss auch noch bezahlt werden, aber das ist auch schon egal. Lehrgeld einfach weiterzahlen.

    Im späten Frühjahr machen die Ateliers in der gesamten ländlichen Umgebung dann endlich ihre Tore weit auf und lassen Besucher hinein. Freya hat sich mangels fehlender Fertigstellung der Werkstatt allerdings entschieden, noch nicht teilzunehmen. Und kann anstatt dessen all die Kollegen besuchen, bei denen sie noch nie war. Das ist dann auch in der Tat eine sehr inspirierende Reise in die Werkstätten ihrer Kollegen, die sie dadurch ein Stück näher kennen lernen kann.

   Ihr Alltags-Job ist der in alten Klamotten in die Werkstatt zu gehen, mit Farbe herumzuschmieren und versuchen zu zaubern. Schon im letzten Jahr hat sie entschieden, sich mit abstrakten Landschaften zu beschäftigen und führt das auch in diesem Jahr fort.

Nichts leichter als das!“, denkt sie, aber da hat sie sich gehörig getäuscht. Erde, Wasser, Luft und Himmel. Aber nicht zu konkret werden und nur etwas erahnen lassen. Poesie entwickeln. Der Phantasie Raum geben und dennoch eine Landschaft abbilden. Schnodderige Tiefe entwickeln. Schicht um Schicht auftragen. Shabby bleiben. Dreck, Spritzer und runterlaufende Schlieren einfach drauf lassen. Holzleisten sägen, streichen und zu einem Rahmen zusammenkloppen. Aufhänge-Vorrichtung anbringen. Fotografieren. Und dann zu guter Letzt alles bei Instagram und Facebook zeigen, weil sich das inzwischen so gehört. Sich dieser ewigen Jagd nach Followern stellen. Unkraut jäten ist da allemal leichter.

    Im Sommer besucht Freya einen Künstlerkollegen und besichtigt den dort zur Werkstatt umgebauten Kuhstall. Die Frage steht bei Bruno und ihr im Raum, was aus den hiesigen vielen Räumen noch alles gemacht werden könnte. Wenige Tage später fahren sie zwecks weiterer Inspiration zu einer Kunst-Ausstellung in ein kleines Kaff ebenfalls auf einen Resthof, dessen Scheune aufwendigst umgebaut wurde zu einem großen Veranstaltungsraum, einer Werkstatt und einem großem Lager mit grandiosen Kunstwerken. Menschengroße Skulpturen, geschweißte Arbeiten auch mit verrosteten Teilen vom Bauernhof, unzählige Gemälde und Installationen zum Thema Moor. Sie sind absolut hingerissen und maximal inspiriert und nehmen die Anregungen beseelt mit nach Hause.

    Und doch geht das Entrümpeln und Renovieren auf dem Hof nur langsam weiter, die Arbeit ist beschwerlich und alles irgendwie zäh und sie oft träge. Es macht einen Unterschied, ob man alles selbst machen möchte oder ob ein Trupp von Entrümplern, Handwerkern oder anderen Helfern kommt und ranklotzt und in Windeseile Fortschritte zu erkennen sind.

    Im späten Herbst wird es dann langsam zu kalt im alten Hühnerstell und Freya zieht sich mehr und mehr ins warme Innere des Hauses zurück, findet einen guten Schreibplatz an einem Fenster mit der Aussicht auf den Hof und allem, was dort so passiert und widmet sich einer anderen künstlerischen Arbeit. Lange hat das Schreiben von Geschichten geruht. Sie will es noch einmal versuchen. Und beginnt etwas stümperhaft mit so allerlei nichtsnutzigen Sätzen, die sich dann irgendwann wie von selbst verwandeln in die Geschichten von Bruno Olle Petersen und Freya von Hansen.

Zusammenarbeit

 
    

Alles blüht und duftet und zwitschert. Nach langer Zeit gibt es jetzt wieder einen großen Garten in Freyas Leben mit viel Freude, aber auch viel Arbeit. Und bunte zutrauliche Katzen mit drei Beinen oder anderen Handicaps, die sich zoffen, dass die Fetzen nur so fliegen. Die Arbeit der Zweibeiner klappt dafür wie am Schnürchen. Da wird nicht viel geredet und einfach so vor sich hingewerkelt. Ab und zu sich geküsst und weiter gearbeitet. Der Garten ist der ihrer Vorgängerinnen und sehr schön. Das kann sie absolut anerkennen. Aber es ist eben nicht ihre Handschrift, die sie da sieht. Diese ganzen Töpfe  und der Klimbim und die Zäune sind einfach nicht ihr Ding. Sie braucht mehr Großzügigkeit und Klarheit und das ist auch ganz im Sinne von Bruno. Das Zusammenarbeiten draußen an der frischen Luft ist jedenfalls eine absolut befriedigende und beziehungsfördernde Angelegenheit . 
Auch zusammen kochen geht einwandfrei. 
Hier, schmeck mal ab, was fehlt noch?“
Pfeffer!“, und schon haut er ordentlich Gewürz hinein.
Und so nach und nach probieren sie im Internet gefundene neue Gerichte aus. Neben den typischen Angeliter Chosen, die sie lieben und die Freya von Großmutter und Mutter überliefert bekam. Manchmal bekocht er sie, manchmal sie ihn, aber meistens experimentieren sie gemeinsam mit Obst, Gemüse, Kartoffeln oder Pasta. Vegetarier sind sie nicht, aber immer offener für Neues. Mal schnöde Pottkuchen, mal aufwendige Torten mit oder ohne Zucker. Es erstaunt Freya sehr, wie viel lockerer Bruno im Laufe der Zeit wird im sich Lösen von festgefahrenen Gewohnheiten und Ansichten. Und so googelt er mittlerweile und findet die ausgefallensten Veganer-Rezepte. 
    
    Aber manchmal muss es eben einfach klassisch und einfach zugehen. Was man als Bauer eben so liebt. Bratkartoffeln mit Spiegelei und Frikadellen. Inzwischen ist das Kochen zu einer wichtigen gemeinschaftsbildenden Angelegenheit geworden. Freya steuert Obst, Gemüse und Salate bei, damit es auch Vitamine zu futtern gibt und Bruno seins aus dem Thermomix für Arme oder das Fleisch. Oft ist das auch eine fast ohne Worte ablaufende Angelegenheit und jeder vertieft sich in seinen Part. Manchmal flüchtet Freya allerdings lieber in ihr eigenes Reich, weil Bruno mal wieder in eine wüste Küchenschlacht verwickelt ist.

    Dann ist da ja noch das Entrümpeln. Wie furchtbar. Aber muss sein. Findet Freya und irgendwann auch Bruno. Aber bitte sehr nicht so schnell. Findet er. Sie nicht. Oder doch, wenn es zu anstrengend wird. Stück für Stück kommen sie sich näher, die Ordnung und das holde Paar. Aber das ist echte Maloche und man darf nicht pingelig sein und sich vor Staub, Dreck, halb verwesten Ratten, Mäusedreck und jahrzehntealten Sachen einer längst vergangenen Epoche ekeln. Zum Glück hat Freya schon einmal den Hof ihrer Eltern entrümpelt und das dauerte ein geschlagenes Jahr. Sie kennt das und dann mal los. Andere sehen das und das ist die Belohnung. Außer, dass es ihnen beiden selbst gut tut. Halleluja. 

    So geht es dann so nach und nach weiter im Jahresverlauf und Freunde besuchen sie und freuen sich mit Freya, dass sie es jetzt nach so langer Zeit endlich so gut getroffen hat und nicht mehr allein ist. Bei allem. 

Wenig Urlaub


Da alle anderen während des Jahres dreimal Urlaub oder mehr machen und die beiden aber Urlaub nicht können, weil ihnen wahrscheinlich das Gen dafür fehlt, wollen sie trotzdem üben. Schaffen sich einen kultigen, klitzekleinen alten Spießer-Wohnwagen an und einen peinlichen Retro-VW-Bus mit schrägen Streifen. Das bedeutet allerdings noch gar nichts, denn der Wohnwagen steht jetzt erst einmal nur so auf dem Hof rum und später wird man dann weitersehen. Irgendwann ist es dann tatsächlich aber soweit und sie trauen sich für zwei Tage auf große Tour zu gehen. Gerade noch rechtzeitig kann Brunos neuer alter VW Bus angemeldet werden. Eine Nacht ist drin, die fünf Katzen auf dem Hof haben genügend Futter und müssen bis zum nächsten Tag ohne Medikamente aushalten. So pilgern Bruno und Freya den kompletten Tag an Dänemarks Südküste entlang auf der Suche nach einem passenden Campingplatz. Treffen auf wunderschöne Strände und können sich erschöpft doch erst am Abend für eine freie Wiese auf einem Platz entscheiden. Ihnen ist immer noch klar, dass sie Urlaub einfach wirklich nicht können, aber irgendwie muss ja mal ein Anfang gemacht werden. Ein Superplatz und eine Superaussicht ist das, doch schlafen kann die Mimose dann doch nicht. Bruno schnarcht dagegen in seinem Bus selig vor sich hin. Wie die beiden jeweils eben so sind.

    Und was könnte schöner nicht sein für die seelische Stimmung, als einmal einen Ausflug auf eine Nordsee-Insel zu machen. Gerade ruhen die Erntearbeiten und so schnappen sie sich ihren Retro-Bus mit den schrägen Streifen und fahren an die Westküste, um gut gelaunt auf dem Dampfer sich den Seewind durch die Haare wehen zu lassen und die weite Aussicht zu genießen. Mit dem Fahrrad flitzen sie einmal von einem Ende zum anderen, liegen in feinem weißen Sand vor der Meeres-Kulisse der weiten Nordsee und packen ihre mitgebrachten hartgekochten Eier aus.

    Und einmal noch schaffen sie sogar den Absprung ins Dänenreich mit ihrem Spießer-Wohnwagen. Allerdings wieder nur für eine Nacht, in der Freya allerdings glücklicherweise friedlich schlafen kann. Und lümmeln so herum und strecken alle Viere von sich, schwimmen in der Förde, lesen mehr oder weniger kluge Bücher und radeln stundenlang in der Gegend rum, um von ganz weit oben einen super klaren Blick auf ihre Heimat am gegenüberliegenden Ufer zu werfen.

    Das war's dann aber auch für das ganze Jahr. Eine etwas enttäuschende Urlaubsernte, könnte man meinen. Doch sind die beiden in Wirklichkeit dankbar für jeden kleinen Schritt, den sie geschafft haben.


Familie + Freunde

 

Freya hat noch drei Geschwister und stammt aus einem kleinen Kaff mit sagenhaften dreißig Einwohnern und fünf Angeliter Bauernhöfen. Auf einem dieser wachsen sie auf. In der Nähe befindet sich das riesige Familiengrab und so versammeln sich die vier dort, um die Saison zu eröffnen und aufzuräumen und Frühlingsblumen zu pflanzen. Inzwischen sind sie plus Anhang eine kunterbunte multikulturelle Truppe geworden, die zusammenhält. Ihre Mutter, die in einer Demenz-Wohngemeinschaft ihre letzten Lebensjahre verbrachte, hat viel dazu beigetragen und der trockene Humor ihres Vaters das seine. Alles im Sinne von „ein wenig mehr Ernst täterätäte gut!“

    Ein paar Monate später kommt viel Waldarbeit auf sie und ihre Geschwister zu, denn sie haben jetzt die Verantwortung für das letzte familiäre Erbe übernommen. Es gilt Bäume zu ringeln, eine aufwendige Angelegenheit, die dazu dient, diese langsam absterben zu lassen, um den um das Licht konkurrierenden wertvolleren Bäumen Platz zu machen. Jeder bringt seine Gerätschaften sowie Elektro- oder Motorsägen und einen Picknickkorb mit. Nach einem halben Tag sind sie leider noch nicht allzu weit gekommen, die Akkus der Sägen schon leer, aber das Picknick am Waldboden auf alten Baumstämmen sitzend entschädigt für alles. Allerdings wartet da noch viel Arbeit in den nächsten Jahren auf sie.

    Freya wird wieder ein Jahr älter und daher kommt ein kleiner Teil ihrer Familie mitsamt etlichen aus den Gärten ausgegrabenen Stauden, die sie jetzt auf dem gesamten Gelände verteilen und wieder eingraben kann. Wie cool ist das denn. Das hatte sie sich nämlich so gewünscht und ist glücklich. Leider ist ihr Bruder nicht dabei, weil nach fast zwanzig Jahren des sie nicht Besuchens sie sich noch immer nicht traut ihn einzuladen und hört doch später, dass er auch gern gekommen wäre. Sie hatte das so gar nicht auf dem Schirm. „Frollein, vorher klären wäre hilfreich gewesen!“ Trotzdem scheint die Sonne und die erste Hof- und Werkstatt-Besichtigung beginnt.

    Die Freundes-Wohngemeinschaft aus dem Nachbardorf kommt ebenfalls zu Besuch. Es scheint noch immer die Sonne. Und natürlich unterhält sich der Mann der Truppe mit Bruno über Traktoren, Landmaschinen und Ähnliches, ganz in ihre eigene Welt versunken und die Frauen über Persönliches.

    Zu einer anderen jenseits des alltäglichen Trotts gehörenden Gewohnheit gehört, sich mit ihren besten Freundinnen zu treffen in kultigen Hof- oder anderen Cafés zwecks weiblichen Gedankenaustauschs oder Ausstellungsbesichtigungen. Ein Luxus-Leben. Das ist ihr wohl bewusst, doch nachdem sie zwölf Jahre allein und bescheiden lebte, kann sie jetzt ab und zu sogar ohne schlechtes Gewissen diesen Luxus genießen. Dankbarkeit ist das Zauberwort.

    An einem wunderbar warmen Sommertag fährt Freya zu einer Hochzeit von gleichaltrigen Freunden, die ein soziales Café in Flensburg betreiben und mit Programm inklusive Stadtführung und zum Schmunzeln bringenden oder herzerwärmenden Einlagen feiern. Mal musikalisch, mal theatralisch. Sie alle feiern und tanzen drinnen oder draußen auf dem Bürgersteig mit Blick auf die Förde. Multikulti-Nachbarn gesellen sich spontan dazu und die Hochzeit entwickelt sich zu einem kunterbunten Event mit Menschen verschiedenster Herkunft, national und international.

    Und die liebenswert schräge Familie einer Freundin meldet sich bei ihr und beantragt den Gutschein einzulösen, den sie von Freya geschenkt bekamen. Fotoshooting ihrer Wahl stand da drauf. Also treffen sie sich am Strand und experimentieren miteinander. Cool mit Hund und verrückten Ideen in der Tasche. Die Zwillinge auch schon mal in Bäume steigend und von Ästen runterhängend.

    Doch das Leben bewegt sich weiterhin zwischen gegensätzlichen Polen. Hier Glück und Leichtigkeit, dort Melancholie und Schwere. Familiäre Beerdigungen häufen sich. Mittlerweile stirbt die Generation ihrer Eltern aus und damit leben immer weniger, die ihnen berichten können aus dem Leben in der Zeit des Krieges und den Aufbau-Jahren danach. Wie war das damals in der Landwirtschaft? Ein langer Bericht des Bruders ihres Vaters aus der Zeit seiner Kindheit und Jugend auf dem Hof auch während des zweiten Weltkrieges mit sehr detaillierten Erinnerungen erreicht sie und zeigt, wie viel sie nicht wusste. Sie hätte noch so viele Fragen. Doch dann passiert etwas Trauriges in der Familie. Er stirbt für sie sehr unerwartet und damit der letzte Zeuge, der den heimatlichen Hof noch aus der Zeit vor dem Krieg und der danach kennt. Der schreibend die Geschichte der Landwirtschaft in Angeliter Dörfern aufschrieb und dem sie noch so viele Fragen stellen wollte auch über den Vater und seine Zeit in russischer Gefangenschaft. Das ist nun zu spät. Mehr als einmal ist sie traurig, dass sie dem Vater und dem Onkel diese Fragen nicht mehr stellen kann. Da ist so viel unklar geblieben und auch die Geschwister wissen nur in Teilen mehr. Vom Vater, der so viele Jahre von der Bildfläche verschwunden war und keiner wusste, ob er je wiederkommen würde und der Zweitgeborene den Hof hätte weiterführen müssen.

    Als dann irgendwann der Winter kommt, rottet man sich wieder zusammen und besucht sich gegenseitig. Es ist kalt und ungemütlich geworden und kein Schnee bleibt länger als ein paar Tage liegen. Der Klimawandel lässt grüßen. Gemeinschaft wird groß geschrieben. Dazu gehört es auch, endlich den Antrittsbesuch bei Brunos Geschwistern zu machen. Nach mehr als zwei Jahren also das erste Mal alle zusammen. Einige kennt sie noch gar nicht, zurückhaltend wie sie war und den Vergleich mit ihren Vorgängerinnen scheute. Ausgestattet mit einem schönen Kleid traut sie sich nun doch aber endlich. Alle Furcht umsonst, keine kritischen Fragen, kein Aushorchen und schiefen Blicke, sondern freundliche Gespräche in der Runde machen das Ganze so milde. Test anscheinend bestanden. Freya ist wohl doch nicht so doof, wie sie immer denkt.

    Und weiter geht es mit den vorweihnachtlichen Besuchen bei Freunden von ihr und bei Freunden von ihm. Zum Beispiel bei Brunos langjährigem Freund im Osten der Heimat. An einer langen Tafel sitzen lauter Bauern in leicht fortgeschrittenem Alter und sogar jemand aus der Jugend ihrer Schwestern ist da. Zwar war das Leben Freyas aufregend, abwechslungsreich und schwierig, kunterbunt und alles anderes als konventionell, doch ganz tief innen ist sie wohl doch ein wenig Provinznudel ihrer Heimat geblieben und genießt die Gespräche. 

Tanzen for ever

 

Weil Bruno und Freya im Prinzip genial frei tanzen können, jedoch zusammen weitaus weniger genial und auch noch nicht so genau die Führungsrolle definiert haben, melden sie sich zu einem Standard-Tanzkurs an. Freya muss sich nun mit dem Problem des richtigen Tanzkleides und der richtigen Tanzschuhe herumschlagen. Bruno dagegen holt einfach nur seine Tanzschuhe von früher raus, so einfach ist das.

    Als der wöchentliche Tanzkurs zu später Stunde beginnt und endet damit die Suche nach den richtigen Tanzschuhen - aber noch lange nicht. Freya hat Knie und Eitelkeit. Zum Glück beider kann Bruno mit leichter Hand führen, doch der zweite Drehschwindel haut sie erneut um.

    So wild waren die Drehungen doch noch gar nicht“, denkt sie, aber der Körper spricht eben seine eigene Sprache.

    Die Dame mit dem rechten Fuß nach hinten, zwei Schritte nach vorn, der rechte zur Seite, der Herr beginnt mit dem linken Fuß nach vorn. Uuund Anfang!“

    Ihr Tanzlehrer, seines Zeichens Bundeswehrsoldat a.D. gibt präzise Anweisungen, richtig Spaß bringt ihr das aber noch lange nicht, genial freies Tanzen begeistert natürlich viel mehr. Doch trotz alledem machen sie Fortschritte, obwohl die Tanzschuh-Thematik immer noch nicht richtig geklärt ist. Wie Frauen eben so sind und die Knie ihren Senf immer noch dazugeben müssen. Mittlerweile sind die regelmäßigen Tanzabende schon zur Gewohnheit geworden und freuen sie sich darauf, auch wenn das Sofa um diese späte Stunde lockt, so ist es ja nicht. Und irgendwann sind sie sogar Tanz-Fortgeschrittene und Freya kann einmal in der Woche schöne Kleider anziehen und aus den Arbeits-Jeans steigen. Und gut für die Beziehung ist die Chose allemal. 

    Zu guter Letzt wagen sie im Herbst einen ganz neuen Stil und buchen zwei Workshops. Lindy Hop nennt sich das und ist cool. Dabei werden die Beine mit gesenkter Hüfte durch die Gegend geschleudert und die Körperhaltung ist alles andere als steif. Doch das auf dem Erntefest umzusetzen ist unmöglich, da wird der Schieber praktiziert. Was soll man machen.

    Zu aller großen Freude hat in der Nähe die gute alte Kult-Kulturstätte frisch renoviert im 70er-Jahre-Stil mit Tapeten voller großer orangener Blumen, kultiger Secondhand-Möbel und Kaminfeuer wiedereröffnet. Bruno und sie machen erste Testbesuche. Tanzen in der dunklen Höhle ihrer Jugend, Rundstück warm oder Toast Hawai mit inbegriffen sowie das zufällige Treffen uralter Bekannter erwartet sie. Was haben sie nicht alles dort vor fast vier Jahrzehnten erlebt, viele Erinnerungen werden da wach. Und nun also ein Revival.

Lichthof und Co

Eines ihrer Ehrenämter findet im Lichthof statt, der Einrichtung, in der ihre Mutter die letzten Jahre in einer kleinen Demenz-Wohngemeinschaft lebte. Dort gibt es einen wunderbaren Garten und dort hilft Freya auch noch nach Jahren einmal im Monat im Gartenteam freiwillig mit. Im Frühjahr beginnt das Gartensaison-Sommerhalbjahr und sie alle jäten einmal im Monat massenweise Unkraut, um den blumenreichen Garten wieder auf Vordermann zu bringen. Inzwischen ohne Mutter zieht es sie nach wie vor dorthin zu diesen Bewohnern mit ihren schweren Schicksalen und der liebevollen Atmosphäre. Und am Ende der Saison endet die Zusammenarbeit wie in jedem Jahr mit dem traditionellen Rübenmus-Essen. Der Garten ist jetzt winterfest und kann bis zum nächsten Frühjahr warten.

    Und da Freya immer schon heimatverbunden war, ist der nächste Schritt in diesem back-to-the-roots-Trend auch gar nicht mehr so ein großer. Denn da der Heimatverein sich verjüngt hat und moderner geworden ist, zahlt sie ab jetzt den Jahresbeitrag und wundert sich doch noch ein wenig über sich selbst. Wo sind ihre Vorurteile geblieben? Heimatverein ging doch bisher so gaar nicht. Sie hätte nicht gedacht, dass sie sich sogar einmal in der AG Kulinarik engagieren würde und typische Angeliter Rezepte erkunden, gemeinschaftlich kochen und anbieten würde. Heimatliches Brauchtum nicht nur aus der Gegenwart, sondern auch aus der Zeit von vor hundert Jahren erforschen. Was ist typisch? Wieso kocht man süß und salzig zusammen? Oder salzig und fruchtig. Oder fruchtig und bitter. Was hatte es auf sich mit den großen Sälen in den alten Bauernhäusern? Und damit, dass bei großen Festen ihre Großmutter noch eine Torte pro Paar berechnete. Kulturelles Leben spielte schon immer eine große Rolle und Freya hat das wohl geerbt.



Dorfkino


    Richtig Gemütliches gibt es auch. Die inzwischen sehr verbreiteten Dorfkinos der Umgebung ihrer Pampa laden ein. Alle rücken zusammen, bringen Restbestände von selbst gemachtem Quittenbrot, Geleebananen oder knackenden Chips mit und gucken im warmen Gartenhaus ausgewählte Superfilme an und sinnieren hinterher darüber oder auch nicht. Kult-Kultur eben. Same Procedere as last year? Same Procedere as every year!

    Und um mal auf andere Gedanken zu kommen, bietet auch das Programmkino gute Möglichkeiten. Sich einfach in die Dunkelheit begeben und mit großformatigen Bildern berieseln lassen und eintauchen in eine spannende Geschichte, die nichts mit dem Alltäglichen zu tun hat. Leben hier auf dem Hof bedeutet nämlich ständig die Balance zu halten zwischen der bodenständigen Landwirtschaft und der weniger bodenständigen Kunst und Kultur.

Viele Ausflüge

Schön sind die leider nicht allzu häufigen Ausflüge mit der besten Freundin und Kunstkumpanin aus dem Nachbarort. Zum Beispiel, wenn die beiden mit Picknickkorb bewaffnet loszuckeln ins nahe Dänenreich, in ein oder zwei Museen gehen und es sich so richtig gut gehen lassen. Genauso, wie die Jamsessions in der Gegend super sind, wenn Bruno und sie denn hingehen würden, was sie aber NICHT tun. Dösig, wie sie sind.

    Und weil eine ihrer Schwestern nicht teilnehmen kann, bekommt sie deren Karte für ein Openair-Konzert geschenkt inklusive mitreißender angejazzter Musik vom Feinsten bei einsetzender Dunkelheit und leuchtender Bühne. Ist das jetzt zuviel des Guten?

    Überraschenderweise hat Bruno beim lokalen Zeitungsverlag gewonnen. Also Sachen gepackt und los geht’s gen Süden auf einen großen Gutshof zum Musik-Festival, wo sie einen reichhaltigen Fresskorb in die Hand gedrückt bekommen und in ein schräges Folk-Konzert gehen, obwohl das sonst nicht so ihre Musikrichtung ist. Die Marmeladen-Manufaktur ihres jüngeren Bruders nahm dort ihren Anfang und so kann Freya in Erinnerung an deren Markt von damals über das Gelände schlendern.

    In der nahe gelegenen Stadt machen die Künstler ihre Tore weit auf und so besichtigen die beiden mit dem Fahrrad quer durch die Stadt fahrend die unterschiedlichsren Werkstätten. In Kellerwohnungen, in alten Industrie-Gebäuden oder in einer ehemaligen kleinen Bäckerei, allesamt sind sie unbekannt für Bruno und trotzdem wagt er sich hinein. Irgendwann ist es Zeit für eine Pause und überraschenderweise treffen sie vor einem Café in der kultigsten Straße der Stadt Comedian Torsten Sträter cool vor der Tür sitzend. Freya ist ein großer Fan von ihm und ganz aus dem Häuschen. Wie Weiber eben so sind in ihrer Euphorie und will unbedingt aus sicherer Entfernung aus dem Café-Fenster ihren Star anglotzen. Peinlich, aber wahr.

    Im großen städtischen Kulturhaus wird Camina Burana vom dänischen Symphonie-Orchester gespielt. Bruno ist selig, Freya weniger. Eingezwängt in enge Stuhlreihen ist das Orchester so weit entfernt, dass sie in ihrer Kurzsichtigkeit kaum etwas erkennen kann und nach dem gewaltigen ersten Teil, dass jeder kennt, erwartet, dass das so grandios weitergeht. Weit gefehlt. Aber Hauptsache, Bruno schmilzt dahin und das tut er.

    Im Café „JETZT“ findet ein Quiz-Nachmittag statt, wo man in kleinen Gruppen im Wettbewerb gegeneinander kämpft, nebenbei Kuchen futtert und Freunde trifft. Leider ist Freya, was Quizfragen angeht, dumm und kann nur gute Miene machen und sich auf das Wissen der anderen verlassen. Tja. Frau kann nicht alles können.

Sport ist Mord

Sport ist Mord sagt Bruno oder wer war das? Jedenfalls fährt er oft und gerne über weite Strecken mit dem E-Bike, auch schon mal zu seinem behinderten Sohn und das dauert dann den halben Tag. Freya kommt auch oft mit, aber nicht auf so ganz weite Touren. Oder sie schwimmt und Bruno kommt mit, aber nicht immer und so lange. Der Strand ist ja ganz in der Nähe und das ist voll der Luxus.

Ansonsten geht Freya Yoga machen im Fitnesscenter um die Ecke. Auch ein wenig Training an den komischen Maschinen ist drin. Nun ist das aber zu teuer geworden, findet sie und meldet sich im Sportverein ihrer Gemeinde an. Und das hätte Freya nun wirklich nicht gedacht. Dass sie zu sowas Provinziellem bereit sein würde. Aber ist sie. Und nun hat Bruno doch tatsächlich seinen inneren Schweinehund überwunden und geht fortan stolz wie Oskar zur Männer-Gymnastik. Potzblitz, das ist mal was ganz Neues, was sich da entwickelt. Wo soll das noch hinführen?



1/10/2025

Außerhalb

Die gesellschaftliche und politische Lage außerhalb ihrer kleinen Insel ist nach wie vor überaus kritisch und nimmt zunehmend größeren Raum in ihren Gesprächen ein. Und macht ihnen Angst. Oder wütend.

    Am Ende des Jahres gibt es nicht nur einen entsetzlichen Terroranschlag in Magdeburg, Krieg in der Ukraine, blutige Konflikte zwischen Hamas und Israelis, Erstarken der AFD, das Scheitern der Ampel-Regierung, das Ende der Herrschaft Assads, die Einmischung von Elon Musks in internationale Angelegenheiten und die Wahl von Trump zum US-Präsidenten sowie viel Ungewissheit, wie es weitergehen soll. 

    Bruno Olle Petersen und Freya von Hansen stecken trotz allem einfach mal den Kopf in den Sand und gehen Silvester tanzen in der kultigen Disco um die Ecke. Gutes altes Provinzland!

Mein Bild
Ringsberg, Flensburger Förde, Schleswig-Holstein, Germany
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