Freya hat noch drei Geschwister und stammt aus einem kleinen Kaff mit sagenhaften dreißig Einwohnern und fünf Angeliter Bauernhöfen. Auf einem dieser wachsen sie auf. In der Nähe befindet sich das riesige Familiengrab und so versammeln sich die vier dort, um die Saison zu eröffnen und aufzuräumen und Frühlingsblumen zu pflanzen. Inzwischen sind sie plus Anhang eine kunterbunte multikulturelle Truppe geworden, die zusammenhält. Ihre Mutter, die in einer Demenz-Wohngemeinschaft ihre letzten Lebensjahre verbrachte, hat viel dazu beigetragen und der trockene Humor ihres Vaters das seine. Alles im Sinne von „ein wenig mehr Ernst täterätäte gut!“
Ein paar Monate später kommt viel Waldarbeit auf sie und ihre Geschwister zu, denn sie haben jetzt die Verantwortung für das letzte familiäre Erbe übernommen. Es gilt Bäume zu ringeln, eine aufwendige Angelegenheit, die dazu dient, diese langsam absterben zu lassen, um den um das Licht konkurrierenden wertvolleren Bäumen Platz zu machen. Jeder bringt seine Gerätschaften sowie Elektro- oder Motorsägen und einen Picknickkorb mit. Nach einem halben Tag sind sie leider noch nicht allzu weit gekommen, die Akkus der Sägen schon leer, aber das Picknick am Waldboden auf alten Baumstämmen sitzend entschädigt für alles. Allerdings wartet da noch viel Arbeit in den nächsten Jahren auf sie.
Freya wird wieder ein Jahr älter und daher kommt ein kleiner Teil ihrer Familie mitsamt etlichen aus den Gärten ausgegrabenen Stauden, die sie jetzt auf dem gesamten Gelände verteilen und wieder eingraben kann. Wie cool ist das denn. Das hatte sie sich nämlich so gewünscht und ist glücklich. Leider ist ihr Bruder nicht dabei, weil nach fast zwanzig Jahren des sie nicht Besuchens sie sich noch immer nicht traut ihn einzuladen und hört doch später, dass er auch gern gekommen wäre. Sie hatte das so gar nicht auf dem Schirm. „Frollein, vorher klären wäre hilfreich gewesen!“ Trotzdem scheint die Sonne und die erste Hof- und Werkstatt-Besichtigung beginnt.
Die Freundes-Wohngemeinschaft aus dem Nachbardorf kommt ebenfalls zu Besuch. Es scheint noch immer die Sonne. Und natürlich unterhält sich der Mann der Truppe mit Bruno über Traktoren, Landmaschinen und Ähnliches, ganz in ihre eigene Welt versunken und die Frauen über Persönliches.
Zu einer anderen jenseits des alltäglichen Trotts gehörenden Gewohnheit gehört, sich mit ihren besten Freundinnen zu treffen in kultigen Hof- oder anderen Cafés zwecks weiblichen Gedankenaustauschs oder Ausstellungsbesichtigungen. Ein Luxus-Leben. Das ist ihr wohl bewusst, doch nachdem sie zwölf Jahre allein und bescheiden lebte, kann sie jetzt ab und zu sogar ohne schlechtes Gewissen diesen Luxus genießen. Dankbarkeit ist das Zauberwort.
An einem wunderbar warmen Sommertag fährt Freya zu einer Hochzeit von gleichaltrigen Freunden, die ein soziales Café in Flensburg betreiben und mit Programm inklusive Stadtführung und zum Schmunzeln bringenden oder herzerwärmenden Einlagen feiern. Mal musikalisch, mal theatralisch. Sie alle feiern und tanzen drinnen oder draußen auf dem Bürgersteig mit Blick auf die Förde. Multikulti-Nachbarn gesellen sich spontan dazu und die Hochzeit entwickelt sich zu einem kunterbunten Event mit Menschen verschiedenster Herkunft, national und international.
Und die liebenswert schräge Familie einer Freundin meldet sich bei ihr und beantragt den Gutschein einzulösen, den sie von Freya geschenkt bekamen. Fotoshooting ihrer Wahl stand da drauf. Also treffen sie sich am Strand und experimentieren miteinander. Cool mit Hund und verrückten Ideen in der Tasche. Die Zwillinge auch schon mal in Bäume steigend und von Ästen runterhängend.
Doch das Leben bewegt sich weiterhin zwischen gegensätzlichen Polen. Hier Glück und Leichtigkeit, dort Melancholie und Schwere. Familiäre Beerdigungen häufen sich. Mittlerweile stirbt die Generation ihrer Eltern aus und damit leben immer weniger, die ihnen berichten können aus dem Leben in der Zeit des Krieges und den Aufbau-Jahren danach. Wie war das damals in der Landwirtschaft? Ein langer Bericht des Bruders ihres Vaters aus der Zeit seiner Kindheit und Jugend auf dem Hof auch während des zweiten Weltkrieges mit sehr detaillierten Erinnerungen erreicht sie und zeigt, wie viel sie nicht wusste. Sie hätte noch so viele Fragen. Doch dann passiert etwas Trauriges in der Familie. Er stirbt für sie sehr unerwartet und damit der letzte Zeuge, der den heimatlichen Hof noch aus der Zeit vor dem Krieg und der danach kennt. Der schreibend die Geschichte der Landwirtschaft in Angeliter Dörfern aufschrieb und dem sie noch so viele Fragen stellen wollte auch über den Vater und seine Zeit in russischer Gefangenschaft. Das ist nun zu spät. Mehr als einmal ist sie traurig, dass sie dem Vater und dem Onkel diese Fragen nicht mehr stellen kann. Da ist so viel unklar geblieben und auch die Geschwister wissen nur in Teilen mehr. Vom Vater, der so viele Jahre von der Bildfläche verschwunden war und keiner wusste, ob er je wiederkommen würde und der Zweitgeborene den Hof hätte weiterführen müssen.
Als dann irgendwann der Winter kommt, rottet man sich wieder zusammen und besucht sich gegenseitig. Es ist kalt und ungemütlich geworden und kein Schnee bleibt länger als ein paar Tage liegen. Der Klimawandel lässt grüßen. Gemeinschaft wird groß geschrieben. Dazu gehört es auch, endlich den Antrittsbesuch bei Brunos Geschwistern zu machen. Nach mehr als zwei Jahren also das erste Mal alle zusammen. Einige kennt sie noch gar nicht, zurückhaltend wie sie war und den Vergleich mit ihren Vorgängerinnen scheute. Ausgestattet mit einem schönen Kleid traut sie sich nun doch aber endlich. Alle Furcht umsonst, keine kritischen Fragen, kein Aushorchen und schiefen Blicke, sondern freundliche Gespräche in der Runde machen das Ganze so milde. Test anscheinend bestanden. Freya ist wohl doch nicht so doof, wie sie immer denkt.
Und weiter geht es mit den vorweihnachtlichen Besuchen bei Freunden von ihr und bei Freunden von ihm. Zum Beispiel bei Brunos langjährigem Freund im Osten der Heimat. An einer langen Tafel sitzen lauter Bauern in leicht fortgeschrittenem Alter und sogar jemand aus der Jugend ihrer Schwestern ist da. Zwar war das Leben Freyas aufregend, abwechslungsreich und schwierig, kunterbunt und alles anderes als konventionell, doch ganz tief innen ist sie wohl doch ein wenig Provinznudel ihrer Heimat geblieben und genießt die Gespräche.